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Wie sieht die Behandlung nach Kreuzbandriss und Meniskusriss aus? Teil 2

Konservative Behandlung einer Meniskus-und Kreuzbandverletzung – Ziele, Behandlung und Back2Activity

Eine Case-Study über eine Patientin mit einer Meniskusverletzung und einem Einriss des vorderen Kreuzbands nach der Landung bei einem Sprung mit dem Wakeboard

von Alexandra Marte und Peter Weese, MSc

Im ersten Teil der Case Study haben wir die Geschichte von Hanna und das Erstgespräch vorgestellt sowie Wissenswertes zu Meniskus, Kreuzband & Co erläutert. Du hast von der Konsultation von Dr. Rupert Schuster in der Orthosportpraxis und der Befundung bei uns erfahren. Im zweiten Teil möchten wir einen Einblick geben, welche Ziele mit der physiotherapeutischen Behandlung verfolgt werden und wie sich der Therapieaufbau daraus ableitet.  

Physiotherapeutische Untersuchung nach einer Knieverletzung mit Kreuzbandriss und Meniskusriss

Bevor Ziele und Behandlung definiert werden, wird der Status quo in der physiotherapeutischen Untersuchung erhoben, welcher folgende Aspekte umfasst: 

  • Inspektion und Palpation (=Abtasten) des Kniegelenks und der umliegenden Strukturen
  • die Überprüfung der Gelenksbeweglichkeit
  • die Prüfung der Muskelfunktion und -kraft
  • Durchführung von funktionellen Tests für das Kniegelenk 

 

Bei der Inspektion wird zunächst überprüft, ob noch Entzündungsanzeichen wie z.B. Rötung/Erwärmung/Schwellung oder Hämatome vorhanden sind. Hanna hat noch leichte Schwellungen an der Innen-und Rückseite des Kniegelenks. Beim Abtasten des Gelenkspalts mit leichtem Druck (=Palpation), verspürt Hanna ein unangenehmes Gefühl auf der Innenseite und einen leichten Schmerz. Anschließend wird die aktive und passive Beweglichkeit von Hanna überprüft. Die Beugung ist aufgrund der Schwellung des verletzten Meniskus schmerzbedingt noch eingeschränkt. Die Streckung ist passiv frei bis zum Bewegungsende möglich, jedoch kann Hanna das Knie nicht selber bis zum Bewegungsende aktiv strecken. Sie hat noch Probleme mit der muskulären Ansteuerung eines Teils ihres vorderen Oberschenkelmuskels (M. quadriceps), nämlich dem Vastus medialis. Orthosport-Physio Bettina Moser erklärt Hanna, dass es nach so einer Verletzung häufig zu einer reaktiven Hemmung (Inhibition) dieses Muskelanteils kommt. Hanna schafft es derzeit auch nicht das gestreckte Bein gegen die Schwerkraft anzuheben. Deshalb muss sie aktiv wieder die Ansteuerung dieses Muskels üben. Hanna wird informiert, dass sie das Knie nur im schmerzfreien Bereich bewegen soll und die aktuellen Grenzen für sich respektieren muss.  

Therapieziele in der Reha nach einer Knieverletzung

Um Hanna so bald wie möglich wieder zurück auf ihr Wakeboard zu bringen, werden basierend auf dem Erstgespräch und der physiotherapeutischen Untersuchung gemeinsam folgende Therapie-Ziele abgeleitet:

  • Reduktion der Schmerzen und Wiederherstellung der vollen Beweglichkeit im Kniegelenk
  •  Wiederherstellung einer funktionellen Kniestabilität bei allen Alltagssituationen
  • Sportartspezifische Vorbereitung der Strukturen für die erhöhten Anforderungen bei Sprüngen und Landungen
  • Rückgewinn des Vertrauens in das Kniegelenk

 

 

In der Physiotherapie geht es darum die entsprechende Wundheilungsphase, in der sich Hanna gerade befindet, optimal zu unterstützen und die Belastung adäquat anzupassen. Da Hanna sowohl eine Meniskus- als auch Kreuzbandverletzung hat, orientiert sich die Therapie nach der verletzten Struktur, die entsprechend dessen Wundheilung besondere Aufmerksamkeit braucht.  In Hannas Fall ist dies der Meniskus. Das bedeutet, dass die Belastung entsprechend der Wundheilungsphasen des Meniskus progressiv in der Therapie gesteigert wird. 

Therapie Planung nach Kreuzbandriss und Meniskusriss

Angelehnt an die definierten Therapieziele und die Wundheilungsphasen der verletzten Strukturen, wird die Therapie in zwei Phasen unterteilt:

 

Phase 1: Beweglichkeit, Koordination, Erhalt der Ausdauer als Therapieschwerpunkte

Hanna befindet sich derzeit in der sogenannten Proliferationsphase (=Granulationsphase) der Wundheilung. D.h., dass neues Kollagengewebe gebildet wird, welches die Wunde stabiler macht. In dieser Phase ist es wichtig, dass die richtigen, physiologischen Belastungsreize gesetzt werden, damit sich die neu gebildeten Fasern richtig organisieren und ausrichten. Allerdings muss beachtet werden, dass das neu gebildete Gewebe noch wenig belastbar ist.

 

Während dieser Phase liegt der Fokus auf folgenden Bereichen:

  • Edukation: Information zu Wundheilungsphasen, Belastbarkeit, Schmerzmechanismen, ...
  • Beweglichkeitstraining: manuelle Interventionen, Mobility Training für Knie und angrenzende Gelenke (Sprunggelenke, Hüfte)
  • Koordinationstraining: Verbesserung der muskulären Ansteuerung des M. Vastus medialis, Erlernen von komplexen Übungen (z.B. Squats mit weight shifts, Squat Lunges, Briding, Step up/down) für optimales Zusammenspiel der verschiedenen Muskelgruppen, Verbessern der Rumpfstabilität, statisches und dynamisches Gleichgewichtstraining, Beinachsentraining
  • Erhalt der Ausdauerfähigkeit: aerobe, knieschonende Ausdauersportarten, wie z.B. kraulen für Hanna

 

Das Koordinationstraining ist ein sehr wichtiger Teil im gesamten Therapieprozess. Hanna muss in de aktuellen Wundheilungsphase möglichst viele qualitativ saubere Wiederholungen der Übungen durchführen, ohne dass eine Ermüdung der Muskulatur auftritt. Für die Kniestabilität von Hanna sind v.a. die Aktivierung der Glutealmuskulatur (Gesäßmuskulatur), des M. quadriceps und der Hamstrings (vordere und hintere Oberschenkelmuskulatur) wichtig. Nach spätestens 10 Wochen sollte die Proliferationsphase des Meniskus abgeschlossen sein und in die Remodellierungsphase übergehen. In dieser nächsten Phase wird das Gewebe zunehmend stabiler und belastbarer, sodass die Intensitäten gesteigert werden können und das Krafttraining gestartet werden kann. 

 

Phase 2: Übergang zu Krafttraining - Hypertrophie (Muskelzuwachs), Schnellkraft, Reaktivkraft

Damit Hanna in Zukunft ihre Kniegelenke bestmöglich vor Verletzungen bei Extrembelastungen schützen kann, ist es für Hanna unabdingbar, dass sie in dieser Phase an der Kräftigung arbeitet und ihren Muskelquerschnitt mit einem gezielten Hypertrophietraining (=Krafttraining für Muskelaufbau) vergrößert. Das bedeutet, dass Hanna die Wiederholungsanzahl der Übungen reduziert, aber die Intensität mit Gewichten steigert, um den optimalen Wachstumsreiz für die Muskulatur zu setzen. 

 

Nach einigen Wochen Hypertrophietraining, wird zusätzlich auch die Schnell- und Reaktivkraft mit in den Trainingsplan aufgenommen, da dies speziell bei Hannas Sportarten von enormer Bedeutung ist. Die Muskulatur muss schnell und unvorbereitet auf Umwelteinflüsse reagieren können. Für das Springen benötigt Hanna Schnellkraft, die trainiert werden muss, um die schnellen Muskelfasern zu aktivieren. Dh. Hanna wird neben einem Sprung-ABC auch Sprünge in vielen Variationen trainieren. Das Einbeziehen dieser Trainingskomponenten kann Hanna dabei helfen, sich zukünftig vor Verletzungen in Extremsituationen zu schützen. Für dieses spezielle Training, hat das Team von Orthosport mit dem Orthosport-Pro2 Zugriff auf einen Trainingsraum mit viel Equipment und ausreichend Platz, um Hanna wieder fit für ihre sportlichen Herausforderungen zu machen.

 

 

Im gesamten Therapieprozess wird bei Orthosport Physio großen Wert auf Patient*innenzentrierung gelegt. Dh. Hanna wird laufend aktiv in den Therapieprozess mit einbezogen, um gemeinsam bestmöglich die gesetzten Ziele zu erreichen.