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Was ist ein FAIS (Femoro-Acetabuläres-Impingement-Syndrom)?

Was ist ein FAIS (Femoro-Acetabuläres-Impingement-Syndrom)?

eine Case Study über einen Patienten mit FAIS - ausgearbeitet von Theresa Wiehart, BSc und Peter Weese, MSc (Orthosport Physio)


Es zwickt und zwackt in der Hüfte nach sportlicher Betätigung. Und die Beweglichkeit wird mit dem Schmerz eindeutig schlechter. So mühsam kann es sein, wenn man ein FAIS hat...

Problemstellung/Hintergrund eines Patienten mit FAIS

Alex ist 23 Jahre alt, sehr aktiv und probiert gerne neue Sportarten aus. Von Powerlifting zu Freestyle Snowboarden bis hin zu Skaten ist alles dabei. Alex kam aufgrund von Schmerzen in der Hüfte und dem Gesäß nach sportlicher Betätigung zu uns. Erstmals bemerkte er seine Schmerzen nach langen und intensiven Snowboardtagen im Freeride Park. Nachdem er die letzten Wochen der Wintersaison nicht verpassen wollte, nahm er die Schmerzen für mehrere Wochen in Kauf. Jetzt wo die Saison vorbei ist, skatet er am liebsten mehrere Stunden täglich. Da die Beschwerden weiter anhielten, suchte er Dr Rupert Schuster Orthopäde in der Orthosportpraxis auf. Durch typische klinische Zeichen, seiner Symptome und den Ergebnissen der bildgebende Verfahren (Röntgen, Arthro-MRT), wurde ein FAIS mit Labrumverletzung diagnostiziert. FAIS steht für Femoroacetabuläres Impingement Syndrom, auch bekannt als „Hüftimpingement“. Die Bezeichnung ergibt sich aus den mitbeteiligten Strukturen, dem Oberschenkelknochen „Femur“ und der Hüftpfanne „Acetabulum“. Impingement beschreibt ein Einklemmungssyndrom. Strukturelle Veränderungen des Femur-Schenkelhalses und/oder des Pfannenrandes des Acetabulums können zu einer solchen Symptomatik führen. Häufig tritt ein FAIS in Kombination mit Knorpel und/oder Labrum Verletzungen auf. Das Labrum ist ein Faserknorpel, welcher gemeinsam mit der Hüftpfanne den Hüftkopf umgreift. Auch bei Alex ist das Labrum zusätzlich verletzt. Hierbei ist jedoch anzumerken, dass nicht jede Person mit strukturellen Veränderungen im Bereich des Hüftgelenks auch Symptome, wie Schmerzen und Bewegungseinschränkungen, zeigen. Diese Erkenntnis stammt aus Studien, welche Personen mit und ohne Impingement Symptomen untersuchten. Dabei zeigte sich, dass Personen mit knöchernen Veränderungen im Bereich der Hüfte auch ein Leben lang ohne Schmerzen und Einschränkungen verbringen können. Deshalb ist für die Diagnose eine Kombination aus klinischen Zeichen, Symptomen, die Erfragung der Patient*innengeschichte und anschließend bildgebende Verfahren erforderlich. Aus diesem Grund wird in der Orthosportpraxis und bei Orthosport Physio sehr viel Wert auf ein ausführliches Erstgespräch gelegt. Dabei können wichtige Erkenntnisse für das Gesamtbild, die darauffolgende Untersuchung und die weiterführende Therapie gewonnen werden. 

Wie sieht die erste Therapie Einheit bei einem FAIS aus?

In der ersten Einheit liegt der Fokus darauf ein Gesamtbild von der betroffenen Person und dem individuellen Krankheitsgeschehen zu erhalten. Jeder Mensch ist einzigartig und somit können sich auch gleiche medizinische Diagnosen in unterschiedlicher Ausprägung präsentieren. Deshalb legt jede/r Orthosport-Physio einen großen Wert darauf, die Therapie patientenzentriert zu gestalten. Personenspezifische Ziele, Bedürfnisse, Werte, Erwartungen und vieles mehr fließen ins Clinical Reasoning (therapeutische Denken) mit ein. Alex ist es sehr wichtig seinen Sport weiterhin ausüben zu können. Gerade während Corona Zeiten bietet ihm das Skaten viel Ausgleich und gibt ihm Kraft. Aus diesem Grund werden Alex und sein Physio Peter Weese gemeinsam Strategien entwickeln, wie es Alex möglich sein wird trotz Hüftimpingement weiterhin seine Hobbys ausüben zu können. Neben seinen sportlichen Hobbys arbeitet Alex bei einem Fahrradlieferdienst und fährt in der Woche mindestens 10h Fahrrad. In seiner Freizeit benützt er dieses dabei auch gerne als Verkehrsmittel. Dabei sitzt er über längere Zeit mit relativ stark gebeugter Hüfte. Auch beim Auf- und Absteigen kommt er in eine verstärkte Beugung. Nachdem es für den Therapieerfolg sehr wichtig ist, dass sowohl PatientIn, als auch TherapeutIn an einem Strang ziehen, wird gemeinsam nach optimalen, individuell angepassten Lösungsansätzen und zielführenden Maßnahmen gesucht, auch genannt Shared Decision Making. 

Was sind die typischen Symptome eines FAIS?

Die Symptome bei einem FAIS können sehr unterschiedlich sein. Bei Alex zeigen sich vor allem Schmerzen und ein Steifigkeitsgefühl im Bereich der Leistengegend rechts nach intensiver sportlicher Betätigung. Weiters hat er Schmerzen beim Schuhe binden und nach den Arbeitstagen am Fahrrad.

 

allgemein gesehen können folgende typische FAIS Symptome auftreten:

 

  • Bewegungs- und/oder positionsabhängiger Schmerz in Hüfte oder Leiste
  • Schmerzen können sich auch in den Regionen: Rücken, Gesäß, Oberschenkel bemerkbar machen
  • Steifigkeitsgefühl
  • verminderte Beweglichkeit im Hüftgelenk
  • Giving Way-Phänomen
  • clicking, catching, locking
  • Schmerzen bei stark gebeugter Hüfte (meist auch kombiniert mit einer Rotationsbewegung), wie z.B. langes tiefes Sitzen (z.B. bei Autofahren), beim Schuhe zubinden, Socken/Hose anziehen, im Schneidersitz, Gegenstände vom Boden aufheben
  • zunehmende Belastungen auf das Hüftgelenk können zu stärkeren Beschwerden führen (z.B. Tag nach einer sportlichen Aktivität)

 

Wie sieht die physiotherapeutische Untersuchung bei einem FAIS aus?

Bei der Untersuchung werden einerseits klinische Zeichen untersucht. Mit diesen Tests können typische/bekannte Schmerzen und Symptome reproduziert und mögliche Bewegungseinschränkungen im Hüftgelenk aufgezeigt werden. Weiters werden alle Bewegungsrichtungen des betroffenen und nicht betroffenen Hüftgelenkes getestet. Die Untersuchung wird an die Präsentation und die individuellen Probleme angepasst. Bei Alex wurde z.B. die tiefe Hocke getestet, in welche er sowohl bei Sprüngen beim Snowboarden als auch beim Skaten kommt. Alex zeigt keine typischen Bewegungseinschränkungen im rechten Hüftgelenk, jedoch können die Schmerzen mit klinischen Tests reproduziert werden. Um ein genaueres Bild von der einwirkenden Belastung zu bekommen, wird Alex gebeten Videos von seinen Snowboard- und Skatesprüngen mitzubringen. Bei der Videoanalyse wird ersichtlich, dass Alex beim Landen mit dem Snowboard vermutlich die Kräfte in einer für das Hüftgelenk potenziell ungünstigen Position absorbiert und somit immer wieder das Labrum irritiert und folglich durch wiederholte Belastung strukturell beschädigt hat.

Was ist das Ziel der Therapie bei FAIS?

Gemeinsam mit Alex wurde beschlossen, dass er weiterhin skaten kann, jedoch eine Vermeidung von Überlastung notwendig sein wird, um den verletzten Strukturen, die Möglichkeit zu geben, sich zu regenerieren. Dabei wird es wichtig sein, die verantwortlichen Bewegungen, welche die Überlastung begünstigen, zu optimieren und/oder längere Regenrationszeiten einzuplanen. Weiters wird es wichtig sein, Strategien zu finden, welche nach einer möglichen Überlastung, zu einer Erleichterung verschaffen. 

Wie sieht die Therapie bei FAIS aus?

Ein sehr wichtiger Teil der Therapie ist die Edukation. Begonnen mit der Erklärung über die Entstehung eines FAIS und einer Labrumverletzung. Für ein besseres und leichteres Verständnis hat es geholfen die anatomischen Basics des Hüftgelenkes aufzuzeichnen und zu erklären. In weiterer Folge wurden auch Wundheilung und die Prinzipien einer Regeneration erläutern. Wichtig war es, Alex klarzumachen, seine Grenzen respektieren zu lernen. Schmerz ist ein Warnsignal des Körpers, welches potenzielle Gefahr meldet. Deshalb ist es bei Alex wichtig, seine Schmerzen nicht zu ignorieren und seinem Körper nach Überlastung, Zeit zum Regenerieren zu geben. Weiters wird es wichtig sein, beim Springen die Landung zu optimieren. Das heißt eine maximale Hüftbeugung beim Abbremsen von hohen und schnellen Belastungen zu vermeiden. Auch fürs Fahrradfahren wurden Optimierungen besprochen. Zum Beispiel den Fahrradsitz höherstellen und probieren über die linke Seite auf- und abzusteigen. Aktive Übungen sollen ihm dabei helfen, einerseits vor der Sportausübung die Strukturen aufzuwärmen und anderseits nach sportlicher Aktivität einen entlasteten Ausgleich zu bieten.

aktive Aufwärm-/Entlastungsübungen:

  • vor allem Rotationen bei entlastetem Hüftgelenk: diverse Übungen in sitzender Position, in Rückenlage oder im Stehen.
  • entspanntes Beugen- und Strecken
  • Steigerung der Übungen mit Widerstandsband, Langhanteln, Kurzhanteln
  • Kniebeugen und Kreuzheben bis zur Beweglichkeitsgrenze, um den LWS/Hüft/Knie-Rhythmus zu verbessern

 

weiterführende Therapie bei FAIS

In den darauffolgenden Therapieeinheiten wird gemeinsam mit Alex untersucht, welche Aktivitäten weiterhin zu stetiger Überlastung und somit zu Schmerzen geführt haben könnten. Alex soll dabei lernen, welche Bewegungen und welchen Sport er mit welcher Intensität und Dauer ausüben kann, ohne jedes Mal an und (besonders) über die Belastungsgrenze zu gelangen. Dies ist ein Prozess, der nicht nach einer Einheit abgeschlossen ist und Zeit zur Adaptation braucht. Für den Patienten kommen jede Einheit wieder neue Erkenntnisse dazu - Bewegungsabläufe und Angewohnheiten können nicht von heute auf morgen verändert werden.   
Neben Edukation und gemeinsamer Strategieentwicklung, wird der Fokus weiterer Therapieeinheiten auch auf der Kräftigung der umliegenden Muskulatur (z.B. Gesäßmuskulatur) liegen, um die Stabilität zu steigern und eine Überlastung des Gelenks zu minimieren.
Die strukturellen Veränderungen werden sich nicht zurückbilden, deshalb liegt das Ziel die Grenzen kennenzulernen und zu respektieren und mit dem Know-how einen optimalen Weg zu finden, wie man Aktivitäten, die man gerne macht, trotzdem ausüben und genießen kann.

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